Weltklassetriathlet Andreas Raelert hat die Zeit neben seiner laufenden Vorbereitung für die Saison 2017 und dem nächsten Anlauf zum Titelgewinn auf Hawaii, welches wir ihm so sehr gönnen würden und er sich so sehr wünscht, gefunden, um VOZWEIMAX für ein Interview bereit zu stehen.

Andreas hat die Gelegenheit wahrgenommen um Euch einen Einblick in seinen Beruf „Triathlonprofi“ zu gewähren.

Denn hinter einem 2. Platz oder sogar einen Sieg in Hawaii steht mehr als nur hartes Training und in sonnige Trainingslager fahren, um den ganzen Tag der Passion Triathlon nachzugehen.

Andreas hat in seiner natürlichen, sympathischen Art und Geradlinigkeit, wie ihn viele aus zahlreichen Interviews kennen, die doch sehr essentiellen Fragen rund um den Beruf „Triathlonprofi“ beantwortet welche im Jubel der Siege, der Rekorde und beeindruckenden Bilder aber auch der schwierigen Momente nie und oder wenn nur äußerst selten gestellt werden und zur Sprache kommen.raelert-brothers_04

Hallo Andreas, erst mal vielen Dank für Deine Zeit für das Interview. Die erste Frage, die natürlich vielen Triathleten unter den Nägeln brennt und die ganze Foren füllen kann: Hat ein Profitriathlet, wenn er keine Berufsausbildung/kein Studium absolviert hat heutzutage nach seiner Karriere ausgesorgt, wenn von einem Jahresgehalt von 60.000 Euro brutto ausgegangen wird, welches jemand mit Berufsausbildung in einem gängigen Beruf erzielen kann oder muss er sich Gedanken machen und auf ein Netzwerk zurückgreifen können, wenn die aktive Karriere dem Ende naht, um seinen weiteren Lebensunterhalt zu bestreiten? (Altstars wie Dr. Rainer Müller-Hörner, Dr. Ingo Sabatschus (beides Mediziner) oder Sandra Wallenhorst (Volljuristin) sind z.B. in Ihre Berufsfelder zurückgekehrt.)
Es ist wirklich eine gute Frage, ob irgendein Triathlet auf der Welt von sich behaupten kann, nach seiner Karriere ausgesorgt zu haben. Ich würde behaupten, dass dies gegenwärtig leider nicht möglich ist. Dafür sind die Möglichkeiten, Umsätze oder Gewinne zu erzielen, in unserem Sport doch weit von den Sportarten entfernt, die solche Chancen bieten. Die Messlatte liegt für viele Athleten im Triathlon sportlich extrem hoch, dass sie überhaupt solide von ihrem Beruf leben können. Von „ausgesorgt“ kann jedoch wahrscheinlich bei keinem Athleten die Rede sein. Entsprechend wichtig ist es, parallel zur aktiven Laufbahn zumindest ansatzweise eine Idee zu erarbeiten, in welche Richtung es nach dem Ende der Karriere gehen kann._d4s21401

Das hört sich nach einem Sportunternehmer an und dem damit einhergehenden sportlichen und wirtschaftlichen Druck, wenn es vielleicht eine Zeit nicht so gut läuft und Du ein „Seuchenjahr“ hinter Dir hast. Müssen dann „auf Teufel komm raus“ bessere Ergebnisse her oder hast Du als Weltklassesportler eine gewisse Atempause seitens der Sponsoren und machst Du Dir den Druck aufgrund Deines Anspruches an Dich dann selber? Für den Fall eines schweren Unfalles: Schließt man als Profitriathlet eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab (Dein Bruder Michael hat ja zum Glück einen guten Schutzengel gehabt)?

Allein steuerrechtlich betrachtet ist fast jeder Athlet, der als Profisportler seinen Lebensunterhalt bestreitet, ein Unternehmer. Unser Beruf ist eben der Sport, das lässt sich auch an der Zeit messen, die wir dafür investieren. Dies steht in vielen Fällen dem Aufwand eines „normalen“ Jobs wahrscheinlich nicht nach. Ein gewisser Druck ist damit durchaus verbunden, auch wirtschaftlich. Allerdings kommt ein solcher Druck viel mehr von innen als von außen, denn als Leistungssportler möchtest du einfach deine Leistung bringen und möglichst erfolgreich sein. Der Sportler ist da meistens mindestens genauso darauf fokussiert wie seine Sponsoren, Top-Ergebnisse zu erreichen. Das Ziel ist ja für beide Seiten gleich: eine möglichst optimale Performance. Ich denke, dass die meisten Athleten nach und nach in diese Rolle hineinwachsen, also vor allem mit ihren Leistungen. An eine Berufsunfähigkeitsversicherung denken wahrscheinlich nur die allerwenigsten, weil der Sport jeden Tag im Blickpunkt steht. Aber ein Thema ist so etwas natürlich schon, auch wenn kein Athlet vorab über die Möglichkeit eines Unfalls nachdenken möchte.

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Worauf sollten aufgrund Deiner Meinung und Erfahrung nach rund 24 Jahren im Profisport alle Sportler, vor allen der Nachwuchs, achten, wenn Ihre „Berufswahl“ auf die eines Profiathleten fällt oder von einer Profikarriere geträumt wird? Welche Tipps hättest Du?

Ich glaube, dass ein dualer Weg, sofern dies möglich ist, eine gute Variante bietet, um Zukunftsperspektiven im und neben dem Sport zu erarbeiten. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, gerade bei Langstreckenathleten mit einem erheblichen Trainingspensum. Ein Fernstudium oder ein auf die Wintersemester fokussiertes Studium kann ein guter Begleiter durch den Leistungssport sein, solange es mit dem Training, den Wettkämpfen und den Reisen vereinbar ist. Wer nach dem Ende seiner Schullaufbahn eine Ausbildung absolviert, kann versuchen, über Praktika oder kleine Teilzeitbeschäftigungen sein berufliches Ziel zu schärfen. Grundsätzlich gibt es natürlich im Bereich der Spitzenkader weitere Möglichkeiten, gerade mit Blick auf die olympischen Sportarten, aber leider gibt es keine Schablone für dieses schwierige Thema. Auch da ist jeder Triathlet dazu verpflichtet, einen erfolgreichen individuellen Weg für sich zu finden.

 

Reizthema „Hahner Twins“. Haben die beiden bei aller sportlicher Kritik einen möglichen Weg aufgezeigt, wie man in einer Ausdauersportart entsprechend Umsätze und Gewinne in einer doch sehr begrenzten aktiven Zeit erzielen kann?

Mir fällt es schwer, dazu etwas zu sagen, da ich nicht genügend in diesem Thema bin. Ich kann letztlich nur für mich und ein bisschen auch für Micha sprechen. Wir versuchen immer, unsere bestmögliche Leistung abzurufen und durch unsere Ergebnisse zu überzeugen. Sicherlich lässt sich durch gezieltes Marketing eine höhere Aufmerksamkeit für den Sport und die eigene Leistung erreichen und gewissermaßen auch eine eigene Marke kreieren.

Es reicht ja sicher nicht nur gute Leistungen zu bringen und nur zu trainieren, wie vielleicht manch einer denken mag. Wie intensiv ist die administrative Arbeit neben der Kerntätigkeit Training und Wettkämpfe und was kommt on Top dazu? Welche Aufgaben kann man ab einem gewissen Niveau alleine einfach nicht mehr bewältigen?

Das ist ein umfangreiches Themenfeld. Micha und ich können von Glück sagen, dass wir in unserer Familie hier eine starke Unterstützung haben und Kompetenz, auf die wir immer zurückgreifen können. Allein die Kommunikation mit Partnern, Medien und Wettkampfveranstaltern sowie die Pflege von Kontakten ist extrem wichtig. Triathlon ist eine dermaßen zeitaufwendige Sportart und erfordert parallel zu Training und Wettkampf auch enorm viele technische Feinabstimmungen, dass wir sehr dankbar dafür sind, dass wir hier eine wichtige Unterstützung finden und uns vor allem auf den Sport konzentrieren können. Dies hat nicht nur mit dem eigenen hohen Leistungsanspruch zu tun, sondern auch damit, dass unser Sport extrem erfolgsabhängig ist und die Entwicklung der vergangenen Jahre dafür gesorgt hat, dass es im absoluten Weltklassebereich mehr denn je wichtiger ist, 100 Prozent der persönlichen Leistungsfähigkeit in den Sport zu investieren.

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Stichwort persönliche Leistungsfähigkeit. Dein größtes und wichtigstes Kapital ist ohne Zweifel Dein Körper. Es ist im Allgemeinen bekannt, welche Umfänge gemessen in Stunden Du als Profiathlet absolvieren musst, um auf Wettkämpfen entsprechend bestehen zu können. Selbst ambitionierte Amateure trainieren ja neben dem Beruf noch 20 Stunden und realisieren auf einer Ironmandistanz teilweise Topzeiten von unter 9 Stunden. Als wie wichtig erachtest Du als Profiathlet die Pflege Deines Köpers (Massagen, Gymnastik, ausreichend Ruhe etc.) und wieviel Stunden wendest Du dafür pro Woche extra neben dem normalen Trainingsvolumen auf? Hättest Du eventuell einen Tipp für alle Amateure und worauf sollten diese mehr achten, um unseren schönen Sport gesund bis ins hohe Alter ohne Überlastungsschäden ausüben zu können?

Keine Trainingswoche ist wie die andere. Grundsätzlich ist der Zeit, den ich in mein Training investieren schon einmal sehr hoch, aber dazu kommen ergänzend Einheiten, die einen Schwerpunkt in Sachen Verletzungsprophylaxe, Dehnen und Stretching haben. In Stunden lässt sich dies nicht exakt messen, aber es ein unabdingbarer Teil meines täglichen Programms. Ausreichend Schlaf ist neben gezielten Übungen ein ganz wesentlicher Bestandteil der Gesunderhaltung, gerade in intensiven Trainingsphasen. Physiotherapeutische Maßnahmen ergänzen dies individuell.

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Andreas, wir danken Dir für den sehr tiefen Einblick in das Berufsleben eines Profitriathleten, welches du den Lesern und uns gewährt hast. Wir denken, dass die Leser nach deinem Interview die Leistung die Du und alle anderen in Weltspitze erbringen, in einem ganz anderen Zusammenhang sehen und in einem anderen Licht betrachten, gerade dann, wenn es mal nicht für das Treppchen reicht.

Wir wünschen Deine Familie und Dir alles Gute für die Zukunft. Und wir sind uns sicher das Dir ganz Triathlondeutschland und viele Sportler der weltweite Triathlongemeinde für den diesjährigen Titelgewinn auf Hawaii ganz fest die Daumen drücken werden.

Nochmals vielen Dank für Deine Zeit und alles Gute!

Das Interview führte Michael Sigl.

Bilder Copyright Raelert-Brothers GmbH